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Thursday, October 30, 2014

Tödliche Stille (Teil 1)

Der Tod gehörte schon immer zu meinem Leben. Mein Vater war General bei der US-Army und erklärte mir schon als Junge mit trauriger Stimme, dass niemals alle Soldaten seiner Corps lebend aus einem Einsatz zurückkehrten. Für mich klangen seine Geschichten dennoch aufregend, jedes Wort war ein Abenteuer, in dem ich meinen Vater als strahlenden Helden kämpfen sah.

In meiner Jugend war keiner meiner Träume größer als jener, selbst in die Fußstapfen von General Blake Hunter zu treten und meinen eigenen Beitrag für den Schutz unseres Landes und der Menschen in Not in den entferntesten Winkeln der Erde zu leisten.
Meine Noten waren niemals die besten, aber als herausragender Sportler erhielt ich gegen Ende meiner High School-Zeit zahlreiche Stipendienangebote, die mir Türen zu den besten Universitäten des Landes geöffnet hätten.

Ich habe sie alle ausgeschlagen. Für mich kam nur die United States Military Academy in West Point, New York in Frage. Meinem Vater gelang es sogar, mir trotz meiner durchschnittlichen Noten eine Empfehlung eines Kongressabgeordneten zu besorgen, damit ich überhaupt in den ehrenwerten Kreis der seriösen Bewerber kam.

Meine erste Begegnung mit dem Tod hatte ich ausgerechnet an dem glücklichsten Tag meines Lebens, als ich die Zusage der Academy erhielt und mein Umzug nach New York unmittelbar bevor stand. Mein Vater hatte mir seine Krankheit mehrere Monate lang verheimlicht. Als ich ins Wohnzimmer gestürmt kam, mit dem offenen Brief in meiner Hand, sah ich meine Mutter über die leblose Gestalt meines Vaters gebeugt, sein Gesicht kreidebleich auf dem Sofa. Sanitäter brachten ihn wenige Minuten später ins Krankenhaus, wo er noch drei Monate auf der Intensivstation lag, ehe seine Organe den Kampf gegen den Krebs aufgaben und ich zum Halbwaisen wurde.

Meine glorreiche Zukunft war mit einem Mal deutlich weniger verlockend. West Point wartete immer noch auf mich, aber ohne meinen Vater hatte ich das Gefühl, meinen Traum mit niemandem teilen zu können. Mit Tränen in den Augen trat ich schließlich meine Ausbildung an, fest davon überzeugt, das Motto der Akademie "Pflicht, Ehre, Vaterland" in meiner Seele zu verankern.

In den folgenden Jahren hatte ich mit vielen akademischen Herausforderungen zu kämpfen - ich war nicht gerade der beste Schüler -  aber durch meine athletischen Begabungen hatte ich schon bald die meisten meiner Vorgesetzten (ich frage mich, warum ich sie eigentlich nie als "Lehrer" bezeichnet hatte) auf meiner Seite und schaffte es Jahr für Jahr durch die immer komplizierter werdenden Prüfungen. Meine Zeit unter zahlreichen trainierten jungen Männern ließ mich auch eine andere Seite an mir entdecken, die ich mit Anfang 20 in dunklen Winkeln mit gleichgesinnten Kadetten erforschte. Sagen wir, die Voraussetzung während der Ausbildung keine Ehe einzugehen bereitete einigen von uns keinerlei Schwierigkeiten.

Ich lernte schnell, dass das Ausleben meiner Neigungen dank Jahrzehnten harter Arbeit der Menschen früherer Generationen zwar nicht mehr verboten war, man jedoch den Zorn der älteren Offiziere auf sich ziehen konnte, wenn man sich nicht unter dem Deckmantel eines asexuellen Soldaten versteckte. Da meine Karriere für mich an erster Stelle stand, hatte ich nicht vor, einen meiner Vorgesetzten zu vergrämen und mauserte mich zu einem Musterkadetten, der bei der Abschluss-Zeremonie sein Bachelor-Zertifikat und den militärischen Rang des Second Lieutenant mit einer Reihe ernst gemeinter Gratulationen und Handschläge der höherrangigen Offiziere entgegen nehmen konnte.

Ich wünschte mein Vater wäre dabei gewesen, als wir unsere Dienstmützen mit einem Freudenschrei in die Luft warfen und uns in unseren grauen Uniformen in die Arme fielen.

Wenn ich jedoch daran denke, was danach folgte, bin ich froh, dass mein Vater dies nicht mehr erleben musste. Zu Beginn meiner 5-jährigen Dienstverpflichtung nach der Academy war es nur ein Gerücht. Niemand wusste genau, was in Syrien vor sich ging. Der Geheimdienst, zu dessen Informationen ich als Offizier des V Corps in Deutschland Zugriff hatte, berichtete von einer Seuche, die sich rasend schnell verbreitete und offenbar hoch infektiös war. Die internationalen Medien wurden jedoch erst darauf aufmerksam, als ein Pilot in der Whiteman Air Force Base in Missouri nach seiner Rückkehr aus Syrien zusammenbrach und kurz darauf der gesamte Militärflughafen unter Quarantäne gestellt wurde. Doch auch außerhalb der Sperrzone gab es kurz darauf Opfer in der zivilen Bevölkerung. Und die Geschichten, die sich wie ein Lauffeuer in den Medien verbreiteten waren mehr als beunruhigend.

Doch erst als die ersten Videoaufzeichnungen aus den betroffenen Gebieten in Missouri auf NBC auftauchten brach tatsächlich Panik aus. Der Live-Stream eines Journalisten zeigte kreidebleiche Menschen mit blutunterlaufenen Augen, die sich langsam auf den Kameramann zubewegten, während der Journalist mit seinem Mikrofon Fragen stellte. Die leblos wirkenden Menschen griffen wie in Trance nach den Händen des Journalisten und näherten sich dem Kameramann bis auf wenige Zentimeter, ehe sie ihre Zähne in den Arm des Reporters bohrten, dessen Schmerzensschreie uns am anderen Ende der Welt erschaudern ließen. Der Kameramann ließ schließlich die Kamera fallen und flüchtete, wodurch die Bildübertragung abbrach und durch ein weißes Rauschen auf den Bildschirmen ersetzt wurde, ehe ein Nachrichtensprecher, sichtlich betroffen, die soeben gesendeten Bilder zu interpretieren versuchte.

Ich wischte mir damals kalten Schweiß von der Stirn und blickte in die entsetzen Augen meiner Kameraden. Es dauerte nur wenige Tage, ehe die Regierung den Notstand ausrief und alle Menschen aufforderte in ihren Häusern zu bleiben. Nach Missouri tauchte die mysteriöse Erkrankung in den benachbarten Staaten Illinois und Arkansas auf. Täglich telefonierte ich mit meiner Mutter und Schwester in Arkadelphia, die mir versicherten in Sicherheit zu sein.

Doch als schließlich die Einwohner von Chicago von der Seuche erreicht wurden und die Menschen panisch aus der Stadt flohen verbreite sich die Krankheit mit unfassbar schneller Geschwindigkeit, sodass die US Army vom Präsidenten zur Bildung einer Spezialeinheit aufgefordert wurde, welche der Seuche nicht nur Einhalt gebieten sollte, sondern Medizinern und Wissenschaftler auch die Möglichkeit geben sollte, die Krankheit gefahrlos zu untersuchen, um rasch ein Gegenmittel zu finden.

Zu dem Zeitpunkt war in den Medien längst von einer "Zombie-Invasion" die Rede, da Betroffene allem Anschein nach ihre höheren kognitiven Fähigkeiten verloren und nur noch dahinvegetierten, mit der einzigen Motivation, andere Menschen zu beißen, um die Krankheit (laut ersten Analysen vermutlich ein Virus) zu übertragen.

Ich meldete mich sofort freiwillig für die Spezialeinheit und wurde in einem Crashkurs über Biowaffen und Virologie informiert. Ebenso wurde uns von höchster militärischer Ebene eine sogenannte "Lizenz zu töten" ausgestellt, wie wir die einmalige Regelung scherzhaft nannten, welche uns erlaubte, zivile Personen, die wir als infiziert erkannt hatten, sofort zu töten.
Die "Lizenz" galt solange, bis ein geeignetes Medikament zu Behandlung gefunden werden konnte, was laut den damaligen Experten nur eine Frage von Wochen sein sollte.

Wochen.

10 Jahre lang war ich Teil der Sondereinheit und habe unschuldige Frauen und Kinder sterben sehen, viel zu oft durch meine eigene Hand. Das Virus, ein Retrovirus, das sich in der Regel durch eine Bisswunde im Körper des Wirts einnistete, hatte einen ähnlichen Effekt, wie das mittlerweile relativ einfach zu behandelnde Rabiesvirus, das bei Tieren und Menschen eine als Tollwut bekannte Krankheit auslöste, die Verhaltensänderungen und Beißzwänge mit sich brachte.

Die als Lentusfieber klassifierte Krankheit - oder "Zombiefieber", wie es in den Medien genannt wurde - schrieb sich selbst in das Genom des Wirts und vermehrte sich über die genetische Transkription der Wirtszellen, wodurch das Virus trotz Behandlung nicht mehr aus den Erkrankten entfernt werden konnte.

Ich durchlief während meiner Zeit als "Zombie-Jäger" eine reguläre Militärkarriere und war mit 33 Jahren im Rang eines Captains angelangt. Meinem Platoon oblag die Bergung von gesunden Menschen aus stark betroffenen Gebieten. Nicht selten kamen wir zu spät und fanden ganze Dörfer und Kleinstädte vor, in denen alle Bewohner bereits infiziert waren. Auch wenn noch nicht alle Erkrankten Symptome zeigten, waren unsere Befehle eindeutig:
Alle Infizierten mussten "gesichert" werden. Das war die nationale Richtlinie der Gesundheitsbehörde, die mit dem Militär seit einigen Jahren eng zusammenarbeitete.
Worin diese Sicherung bestand, war jedoch in keiner Tageszeitung zu lesen. Niemals werde ich die angsterfüllten Augen vergessen. Kleine Mädchen mit blutenden Bisswunden am ganzen Körper, die noch bei vollem Bewusstsein waren und nicht verstanden, was vor sich ging, als wir plötzlich mit gezogenen Gewehren vor ihnen standen.
Ich ließ es immer kurz und schmerzlos geschehen. Es gab Platoons, die Gefallen daran fanden, ihren Blutrausch an unschuldigen Menschen auszuleben, unter dem Deckmantel der "nationalen Sicherheit".
Keiner meiner Soldaten durfte jedoch auch nur eine Sekunde zögern und jeder Schuss musste sitzen.
Ich weiß nicht, ob ich damals meine Seele verlor, oder ob "Gott", oder wer auch immer über uns wacht, meine Taten tatsächlich als gerechtfertigt zum Wohle der Menschheit interpretierte.

Vermutlich hätte ich es früher oder später wie zahllose andere Kameraden gemacht und mir meine Waffe selbst angesetzt. Aber trotz all der Verzweiflung und ständigen Angst gab, es für mich einen Grund nicht aufzugeben: Adam Westfield.

Ich hatte meine Sexualität nach Ausbrechen der Seuche komplett meiner Arbeit untergeordnet. Nach einigen Abenteuern an der Academy gab es für mich weder erste Gehversuche in Richtung einer Partnerschaft, noch anonyme Treffen zur Befriedigung meiner Triebe. Die Hölle, durch die wir täglich gingen, erstickte solche Gefühle sofort im Keim.
Adam Westfield war Second Lieutenant und inoffiziell meine rechte Hand im Platoon. Wie ich war er Absolvent der Academy und absolvierte in unserer Einheit sein letztes Pflichtjahr. Ich hatte sofort in seinen Augen gesehen, dass er sich für mich interessierte. Nicht als seinen Vorgesetzten wie viele seiner jungen Kollegen, sondern als Mann. Es dauerte nur wenige Tage, ehe er meine Barrieren durchbrach und während eines Außeneinsatzes in Lousiana in mein Zelt kam. Ich wies ihn zurecht und befahl ihm, zurück in sein Feldbett zu gehen, doch als ich seine Lippen auf meinen spürte, fielen alle Rangunterschiede von uns ab und für wenige Stunden existierten nur noch wir zwei auf dieser Welt.

Am nächsten Morgen wusste das ganze Platoon über uns Bescheid. Verärgert wies ich einige vorlaute Soldaten in ihre Schranken, doch erst als Adam mir in einem unbeobachteten Moment einen grauen Schal reichte, um die blutunterlaufenen Flecken an meinem Hals zu bedecken wurde mir klar, weshalb ich für mein Platoon plötzlich ein offenes Buch war.
Doch unsere Arbeit war zu grausam, als dass die Bettgeschichten eines führenden Offiziers weiter von Interesse waren und so kam es, dass niemand unsere unangemessene Beziehung ansprach und Adam schließlich permanent mein Bett mit mir teilte.
Diese ruhigen Stunden zu zweit waren die schönste Zeit in meinem Leben. Das Gefühl seiner Lippen auf meiner Haut, der Geruch seiner Haare - alles hatte sich in mein Gehirn eingebrannt und erinnerte mich an ein Leben abseits der Seuche, abseits nationaler Sicherheitsinteressen.

Adam wollte das Militär nach seiner Dienstverpflichtung verlassen und ich war bereit mit ihm zu gehen. Er hatte seine ganze Familie an das Lentusfieber verloren und hatte niemanden der auf ihn wartete. Wir machten gemeinsame Pläne. Ich konnte kaum erwarten, ihn meiner Mutter und meiner Schwester vorzustellen. Wir sprachen davon, gemeinsam ein Cafe in Akadelphia zu eröffnen. Ich würde an der Bar stehen, Adam würde servieren und Laura, meine Schwester, die Buchhalterin, würde uns bestimmt mit dem finanziellen Teil einer solchen Unternehmung helfen. Ein gemeinsames Leben lag vor uns - und zum ersten Mal in meinem Leben freute ich mich auf die Zukunft, unsere gemeinsame Zukunft.

Ich hätte die ersten Anzeichen erkennen sollen. Adam war im Bett immer selbstbewusst und ungestüm. Als er sich zu mir legte, ohne sein Hemd auszuziehen hätte ich hellhörig werden sollen. Ich erzählte ihm von meinem ereignisreichen Tag im Hauptquartier der Spezialeinheit und welche neuen Pläne die Gesundheitsbehörde diesmal zur Bekämpfung der Seuche hatte. Adam hatte geschwiegen und nur gelegentlich genickt. Ich beschloss, ihn in Ruhe zu lassen und schlief in seinen Armen ein.

Unser nächster Einsatz führte uns nach Calhoun in Louisiana. Knapp 2000 Einwohner mit einem geschätzten Infektionsgrad von 75%. Die wenigen noch nicht infizierten Bewohner sollten in das Quarantäne-Lager in das knapp 130 km entfernte Shreveport gebracht werden, Adam war an diesem Morgen zerstreut. Er behauptete eine Grippe auszubrüten, wollte aber nicht vom Dienst fernbleiben. Ich war mit der Logistik unseres Einsatzes zu sehr beschäftigt, um auf ihn zu achten.

Wie erwartet, war Calhoun ein "Zombie-Nest", das wir nur durch ein Blutbad sichern konnten. Wir hinterließen zahllose Leichen auf unserem Weg zur Calhoun Middle School, wo sich laut unserer Zentrale eine Gruppe nicht infizierter Bewohner zurückgezogen hatte. Der Morgen war ohne bemerkbaren Übergang in den Vormittag gewechselt und kalter Nieselregen mischte sich mit dem Schweiß auf unseren Gesichtern, der mir in den Augen brannte.
"Captain Hunter!" Ich blickte zu Mitchell, einem blutjungen Kadetten, der sich erst vor wenigen Wochen unserem Platoon angeschlossen hatte.  Ich folgte seinem Blick zu Adam, der zwischen unseren Kameraden kniete und sich mit mit schmerzverzerrter Miene an den Kopf fasste.

"Lieutenant Westfield? Alles okay?" Ich versuchte neutral zu klingen. Er reagierte nicht. Ein eiskalter Schauer lief über meinen Rücken.

"Adam?", fragte ich unsicher und ließ trotz jahrelanger Ausbildung und Kampferfahrung mein Gewehr fallen, als sei es mir aus den Fingern gerutscht. Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Adam blickte mich mit blutunterlaufenen Augen an.

"Mitch..." Seine Stimme war heiser. "Es tut mir leid." Er zog seinen Ärmel zurück und ich starrte ungläubig auf die blutunterlaufene Bisswunde an seinem Unterarm.

Meine Soldaten riefen mir etwas zu, doch mein Gehirn konnte sich keinen Reim darauf machen. Ich fiel auf die Knie und griff nach Adams Hand. Wie in unseren gemeinsamen Nächten ließ er sich in meine Arme sinken und umfasste mich mit festem Griff. Diesmal bohrten sich seine Finger jedoch schmerzhaft in meinen Rücken und sein Mund suchte die unbedeckte Haut an meinem Nacken. Ich ließ ihn gewähren, starr vor Entsetzen und blind vor Angst.
Adams Gewicht drückte mich nach hinten und mein Kopf schlug hart auf dem Asphalt des Schulparkplatzes auf, während Adam sich an mich presste. Kräftige Hände lösten gewaltsam Adams Griff und rissen ihn von mir weg. Die Tränen in meinen Augen versperrten meinen Blick. Ich war erstarrt und wusste, dass meine Männer das Standardprotokoll ausführen würden. Sie stießen Adam auf den Boden und entfernten sich einige Meter, damit eventuelle Blutspritzer keinen der Soldaten treffen würden. O'Toole, einer der Scharfschützen aus dem Team setzte sein Gewehr an und zielte auf Adams Kopf. Ich nahm den Schuss nur gedämpft war, der dumpfe Schmerz auf meinem Hinterkopf eine willkommene Decke, die meine Sinne einhüllte und die Welt in Dunkelheit versinken ließ.

Ich erwachte in einem neuen Leben. Die Quarantäne-Station des Hauptquartiers war steril und kalt. Ein Arzt, zu meiner Verwunderung ohne Schutzanzug bekleidet, erklärte mir, dass ich gesund sei und bald wieder auf den Beinen wäre. Die Verletzung an meinem Kopf war nicht schlimm. Ein paar Tage Ruhe und ich könnte wieder mein Platoon anführen.
Doch Ruhe fand ich nicht. Bei meinem ersten Einsatz nach Adams Tod, sah ich überall Adams Geist, der mich anklagend anstarrte. Die "Zombies" von Eureka, unserem nächsten Einsatzort, trugen alle Adams Gesicht und ich war nicht in der Lage auch nur einen von ihnen zu neutralisieren.
Ich war weder überrascht noch verletzt, als meine Soldaten eine Beschwerde gegen mich einreichten und ich vom Dienst suspendiert wurde. Zahllose Gespräche mit Militärpsychologen später wurde ich dauerhaft vom Dienst freigestellt und schließlich mit einer ansehnlichen Abfindung entlassen.

Mein nächstes Ziel: Arkadelphia. Zurück zu meiner Familie und meiner Vergangenheit, mit nichts als den wenigen zivilen Klamotten, die ich am Leib trug und einem Sack gefüllt mit meinen privaten Habseligkeiten. Ein 33 Jahre alter gebrochener Mann, gestrandet im Nirgendwo.
Und allein.

Resident Evil 6 - Chris Redfield & Piers Nivans

Sunday, September 21, 2014

Der Port Clyde Vorfall

Max Forrester schloss die Tür und verbarrikadierte sie mit dem sperrigen Kleiderschrank, ehe er seine Glock 22 in das Holster schob und Parker auf das quietschende Motelbett hievte. Der junge Arzt war anämisch, die Bisswunde an seiner Schulter der einzige Farbtupfer auf seiner kreidebleichen Haut. Er stöhnte als der ältere Soldat seine Füße auf die Bettdecke hob und seinen Kopf auf das winzige Kissen bettete.

Forrester blickte in das schmerzverzerrte Gesicht des Mannes. Dr. Parker hatte in Port Clyde definitiv Forresters Respekt gewonnen. Nicht zum ersten Mal ertappte er sich dabei, den jüngeren Mann gedankenverloren anzustarren. Diesmal jedoch zog die blutende Wunde neben seinem Hals Forresters Aufmerksamkeit an sich. Er musste sie stillen.

„Parker, bleiben Sie bei Bewusstsein. Sie müssen mir helfen. Meine Sanitäterausbildung liegt schon etwas zurück.“

Hastig begann er, das vergilbte Bettlaken in Streifen zu reißen. Mehrfach gefaltet, presste er es auf die offene Wunde und umwickelte die Schulter mit einem separaten Streifen. Parker stöhnte laut auf.

„Ist der Verband zu fest?“

Der junge Arzt packte Forresters Shirt und zog ihn zu sich. Seine blutunterlaufenen Augen zitterten.

„Die Mutation ist unglaublich schnell. Sie sind hier nicht sicher.“

Forrester blickte auf. Scharrende Geräusche entlang der Hausmauer erinnerten ihn an ihre Verfolger. Er streifte Parkers Hand ab und spähte durch die Fensterläden in die Dunkelheit. Das schwache Sternenlicht spiegelte sich in einer wogenden Menge von undefinierbaren Gestalten mit glänzenden Leibern, die das alte Motel umschlichen.

„Mir ist kalt.“ Forrester wandte sein Gesicht Parker zu, der mit klappernden Zähnen auf dem Bett lag. Trotz der Dunkelheit war sein bleiches Gesicht deutlich zu sehen. Forrester zog seine Waffe, entsicherte sie und legte sich neben Parker auf das Bett. Einen Arm um den jüngeren Mann gelegt, schloss er die Augen und lauschte. Parker legte die Wange auf seine Brust und er sog den Geruch des jungen Mannes ein, der sich zitternd an ihn schmiegte.

Wie waren sie nur in diese aussichtslose Lage geraten? Kritische Situationen bei bewaffneten Konflikten kannte Forrester als ehemaliger Soldat zu genüge. Doch feindselige Meeresungeheuer auf zwei Beinen, die Menschen mit einer schrecklichen Krankheit infizierten waren neu. Wie sollte man einen Feind bekämpfen, der sich bereits im eigenen Körper eingenistet hatte?

Forrester blickte auf seinen schwer atmenden Gefährten, der sich in seinen Armen unaufhaltsam zu einer tödlichen Bestie verwandeln würde.

Erst vor wenigen Tagen hatte er den jungen Gerichtsmediziner aus Boston im Anwesen von Lionel Powell kennengelernt. Der exzentrische Milliardär hatte sich in den Kopf gesetzt, die Existenz von „Meerjungfrauen“ zu beweisen. Max musste trotz seiner misslichen Lage auflachen. Der alte Bastard hatte keine Ahnung womit er es zu tun hatte. Von wegen Meerjungfrauen…

Als der mysteriöse Todesfall in Port Clyde der Polizei bekannt wurde, hatte Powell weder Kosten noch Mühen gescheut, den von der Staatsanwaltschaft beauftragten Gerichtsmediziner ausfindig zu machen und in einer Nacht und Nebel-Aktion in sein luxuriöses Anwesen in Portland zu entführen, wo Max erstmals die Bekanntschaft von Dr. Nick Parker gemacht hatte.

Parker hatte wenig Begeisterung gezeigt, als der alte Narr mit Fotos von angespülten Tierkadavern ankam, die angeblich sterbliche Überreste menschenähnlicher Meeresbewohner zeigten. Forrester war damals überzeugt, dass es sich um Filmrequisiten handelte, doch die gute Entlohnung ließ ihn schweigen. Selbst wenn Powell das Haus des Weihnachtsmanns gesucht hätte, wäre Forrester für genug Geld an den Nordpol gefahren und hätte müde lächelnd eine Expedition durch den Schnee angeführt.

Parker hatte schließlich zugestimmt, Forrester als inoffiziellen Begleiter mit nach Port Clyde zu nehmen, damit der alte Mann das Obduktionsergebnis aus erster Hand erfahren würde. Forrester konnte sich denken, was Parkers Kollegen vom FBI von dieser Vereinbarung gehalten hätten.  Parker hätte wohl allem zugestimmt, um endlich aus dem Anwesen des alten Exzentrikers zu entkommen.
In der Leichenhalle des Pen Bay Medical Centers von Rockport, Maine, hatte gleich die erste Überraschung auf die beiden gewartet. Die Leiche der jungen Frau wies laut Dr. Parker nicht nur eine Bisswunde am Genick auf, sondern zeigte auch auffällige Mutationen im Halsbereich, die rudimentären Kiemen ähnelten. Dr. Parker stellte darüber hinaus fest, dass der Tod der jungen Frau ausschließlich auf Kreislaufversagen zurückzuführen war. Nicht der Biss an sich war tödlich, sondern die nachfolgende körperliche Veränderung schien zu einem Herzstillstand geführt zu haben.
Die Kollegen vom FBI untersuchten zur selben Zeit den Fundort der Leiche in Port Clyde. Forrester hatte darauf bestanden, mit Parker ebenfalls dort aufzutauchen um weitere Nachforschungen anzustellen.

Damit begann eine Kette seltsamer Ereignisse an dessen Ende Forrester und Parker auf einem schäbigen Motelbett lagen und die Ungewissheit verdammten.

Das Kratzen wurde lauter. Scharfe Krallen glitten von der Holzfassade langsam über die hölzernen Fensterläden. Max richtete seine Glock auf das Fenster und wartete darauf, dass etwas geschah. Die Situation war aussichtlos, aber wenigstens ein paar der Kreaturen würde er mit sich in den Tod reißen.

Parkers Griff um seinen Bauch wurde fester. Hatte er Angst? Hatte er bereits den Kampf gegen das Monster in seinem Blut verloren?

„Max?“ Forrester erstarrte beim Klang seines Vornamens aus Parkers Mund. Parker hatte seinen Vornamen noch nie benutzt. Er drückte den jungen Mann fester an sich und presste seine Wange an Parkers Kopf auf seiner Brust.

„Ich bin hier, Nick. Gleich ist es vorbei.“

Schlurfende Schritte näherten sich der verbarrikadierten Tür. Ein dumpfes Pochen ertönte. Die Waffe unverändert auf das Fenster gerichtet konzentrierte sich Forrester auf den rasenden Herzschlag des Mannes an seiner Seite.

Noch vor wenigen Stunden war Forrester nur das unkooperative und feindselige Verhalten der Bewohner von Port Clyde seltsam erschienen. Als die Stadt jedoch plötzlich wie leergefegt war und alle Türen offenstanden, dämmerte ihm, dass der alte Powell zumindest dahingehend recht hatte, dass in Port Clyde seltsame Dinge vor sich gingen.

Forrester und Parker waren Fußspuren gefolgt und hatten die Bewohner in zahllosen Booten vorgefunden, die in der Nacht aufs Meer hinausliefen. Neugier hatte zuletzt Vorsicht überwunden und die beiden waren ebenfalls in ein kleines Motorboot gestiegen und auf die Inselgruppe The Brothers hinausgefahren, wo sich die Bewohner von Port Clyde versammelten und hinaus auf den offenen Atlantik starrten.

Forrester war das Blut in den Adern gefroren, als plötzlich eine gebückte Gestalt aus dem Meer kroch und seinen mit messerscharfen Zähnen bestückten Kiefer in den Hals einer jungen Frau verbiss. Der Schrei des Mädchens hatte das Geräusch der Brandung übertönt und das Blut in Forresters Adern gefrieren lassen. Es war jedoch Parker, der aus dem Boot sprang und auf das Mädchen zulief. Forrester folgte ihm und brachte die Bestie mit zwei gezielten Schüssen seiner Glock zu Fall. Die Fleischwunde am Hals des Mädchens blutete und die junge Frau verlor sofort das Bewusstsein, als Parker sie in seine Arme nahm und zurück zum Boot rannte. Zu Forresters Überraschung hinderten die Umstehenden die beiden nicht an der Flucht. Doch während der Überfahrt nach Port Clyde erkannte Forrester ihren fatalen Fehler. Das Mädchen hatte noch in Parkers Armen begonnen, sich zu verwandeln und senkte in einem unbeobachteten Moment seine Zähne in die Schulter des jungen Arztes. Nach einem kurzen Handgemenge mit dem mutierten Wesen konnte Forrester die Kreatur über Bord werfen. Mit schreckgeweiteten Augen bemerkte er Parkers blutende Wunde und sah das Entsetzen im Gesicht des jungen Mannes.

Zurück an Land stützte Parker sich schwer auf Forresters Schultern. Forrester hatte gerade die FBI-Zentrale von den Vorkommnissen auf Port Clyde unterrichtet, als er eine ganze Horde gebückter Kreaturen aus dem Wasser steigen sah. Parker schwer auf seiner Schulter lastend, hatte Forrester sich mit ihm im nächstgelegenen Gebäude verschanzt: einem schäbigen zwei-stöckigem Motel.

Hier endete also ihr Abenteuer. Forrester musste sich eingestehen, dass seine Hand zitterte, während er die Waffe auf die Gestalt richtete, die sich im gleißenden Scheinwerferlicht vor dem Fenster abzeichnete.

Das Geräusch des Militärhubschraubers war das letzte, das Forrester wahrnahm, ehe sich die Zähne der Kreatur in seinen Armen langsam in seinen Nacken bohrten.

Chris Redfield & Piers Nivans - Resident Evil 6

Monday, June 2, 2014

Ewigkeit

Das Haus war traumhaft schön. Meine Fingerspitzen glitten über die glatten, blendend weißen Wände. Ich genoss die Kühle darunter und stellte mir vor, dass dies das Gefühl sein musste, wenn man wusste: Hier bin ich zu Hause. Nicht in einem Zimmer in einem schäbigen Motel oder einem Jugendwohnheim, sondern tatsächlich in  einem eigenen Zuhause.

Ich durchschritt die modern eingerichteten Räume mit vorsichtigen Schritten, stets mit der Befürchtung die kostbaren Fußböden mit meinen alten Schuhen zu beschmutzen. Ich blickte nach unten und bemerkte, dass ich gar keine Schuhe oder Socken trug. Lediglich eine weiße Unterhose. Die selbe Unterhose, die mir Hank gestern Nacht leidenschaftlich vom Körper gerissen hatte.

Hank. Was für ein Glück ich hatte, einen Mann wie ihn getroffen zu haben.

Gutaussehend, offensichtlich wohlhabend und mit einer Menge versauter Ideen im Kopf.  Nie zuvor war ich so glücklich, wie in der kurzen Zeit, seit ich ihn kennengelernt hatte.

Ich hatte nie besonderes Glück mit Männern. Als arbeitsloser Jugendlicher in der Großstadt blieben mir viele Türen verschlossen. Gelegenheitsjobs brachten nicht viel ein und Geld von fremden Männern zu nehmen, mit denen man ab und zu das Bett teilte, schien mir schon damals eine inhaltslose Verschwendung meiner Jugend zu sein. Trotzdem bereute ich nichts. Um ehrlich zu sein wäre ich Hank gar nicht begegnet, hätte ich nicht das schnelle Geld gebraucht, das man auf diese Weise machen konnte.

Doch Hank war anders. Das wusste ich, als ich ihn das erste Mal sah. Er war keiner der verbitterten alten Kerle, die sich im Alltag gehen ließen und in Kauf nahmen, dass junge Kerle wie ich sie nur gegen Kohle verwöhnten. Er war ein Playboy. Blendend aussehend. Braungebrannte Haut, fitnesstudiogestylter Körper. Geschmackvolle Tätowierungen, die man durch sein hauchdünnes, weißes Hemd sehen konnte. Goldene Härchen auf der muskulösen Brust, die das tief geschnittene Hemd nur spärlich bedeckte. Er hätte an jenem Abend jeden in dieser heruntergekommenen Bar haben können. Doch er wollte mich.

Ich erinnere mich noch an seine dunklen Augen, die meinen schlanken Körper musterten. Ob er mir ansah, dass meine Klamotten viel zu eng anliegend waren? Ob er wusste, dass mir einfach das Geld fehlte um mir passende Sachen zu kaufen und ich immer noch die Sachen trug, die ich schon mit Fünfzehn getragen hatte?
Unsere Blicke trafen sich kurz und er winkte mich mit einem Kopfnicken zu sich. Der Rest ist Geschichte. Nein, eine unsagbar kitschige Romanze, die kein Ende zu nehmen schien - und auch nicht enden sollte.

Ich genoss jeden Moment mit Hank. Auch jetzt vermisste ich seine Nähe, seinen starken Körper, der sich an meinen presste. Fordernd, unnachgiebig. Ich genoss die absolute Unterwerfung, die Hank beim Sex forderte. War ich ein Masochist im Bett? Scheißegal wie man es nannte. Ich fand es einfach nur geil.

Ich liebte Hank so sehr, dass jeder Moment schmerzte, in dem er nicht bei mir war. Ich war nicht gewohnt, ohne ihn aufzuwachen, seine Arme nicht um mich zu fühlen.

Ich blieb im Badezimmer stehen und blickte in den Spiegel. Mein Bartschatten irritierte mich und meine Wangen schienen hohl und eingefallen zu sein. Ob ich Hank so gefiel? Ich sollte vielleicht etwas zunehmen. Apropos, erwartete Hank von mir, dass ich für ihn kochte? Ich schämte mich bei dem Gedanken, Hank käme hungrig nach Hause und ich hatte nichts für ihn vorbereitet. Sowas machte man doch in einer Beziehung, oder?

Nicht, dass ich damit Erfahrung hatte. Ebensowenig wie mit kochen. Egal, kochen konnte man lernen. Ich wusste ohnehin nicht was Hank gerne aß.

Ich öffnete den Spiegelschrank und suchte nach Schaum und einer frischen Rasierklinge. Ich war diese modernen Wegwerfdinger gewohnt, aber Hank schien eine altmodische Klappklinge zu benutzen. Ein alter Griff und etwas das aussah wie ein Schleifstein lagen neben der Dose mit Schaum, aber eine Klinge fand ich nicht. Ich durchsuchte den Schrank von oben bis unten, ohne Erfolg. Stattdessen fühlte ich mich seltsam schuldig. Hank hatte viele Medikamentenschachteln in diesem Schrank. Bestimmt war es ihm nicht recht, dass ich hier herumstöberte. Hank würde mir bald ohnehin eigene Rasiersachen besorgen.

Ein rasselndes Geräusch ließ mich hochfahren. Als hätte man mich bei etwas Verbotenem ertappt, ließ ich die Schranktür zufallen und trat hastig aus dem Badezimmer in den Gang. Das Geräusch kam von der Tür. Hanks Schlüssel schepperten beim Aufsperren gegen das Türblech.

Endlich war er wieder zu Hause. Ich wollte zur Eingangstür laufen, als ich plötzlich Stimmen hörte. Er war nicht allein.

"Geile Hütte, Alter." Die Stimme gehörte einem jungen Mann, der kaum älter als ich sein konnte.

"Danke. Willst du dich noch frischmachen oder gleich loslegen?" Hanks melodiöse Stimme versetzte mir einen regelrechten Schlag. Meine Brust schien sich zu einem schmerzhaften Knoten zu verformen. Ich drückte meinen Rücken gegen die Wand und schaute vorsichtig um die Ecke des Ganges. Was ging hier vor?

"Ich bin kurz im Bad, dann geht's los, Dad." Hank lachte über diesen Running Gag. Ich wusste, dass er gern so genannt werden wollte. Die ganze Vater-Sohn-Geschichte war ein geiles Rollenspiel im Bett.

"Um die Ecke und die erste Tür links. Aber beeil dich, Kleiner."

Ehe ich reagieren konnte, stand der Fremde plötzlich vor mir und fuhr erschrocken zusammen. Seine großen blauen Augen weiteten sich für einen Moment und ich schluckte kurz, als ich seine sandblonden, schulterlangen Haare und den trainierten Surferkörper sah, den er unter einer Short und einem Tanktop verbarg. Der Typ war all das, was ich nicht war.

"Scheiße, hast du mich erschreckt!" Er lachte in seine Hände und rief dann nach hinten in den Gang.

"Ich wusste gar nicht, dass du auf Dreier stehts, Dad."

Ich verstand die Welt nicht mehr. Ein kurzer Moment Stille, ehe Hank antwortete.

"Alles was du willst, Kleiner. Geiler Gedanke."

"Kostet aber extra."
Der blonde Junge lächelte mich verschmitzt an und ging ins Bad. Ich musste Hank zur Rede stellen. Wieso tat er mir das an? Er hatte nie erwähnt, dass ich ihm nicht genug war. Musste ich Hank von nun an mit diesem Fremden teilen? Würde auch er hier wohnen?

Ich schritt leise ins Schlafzimmer und erstarrte im Türrahmen. Hank war bereits bis zur Unterhose entkleidet und blickte mich mit hungrigen Augen an. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Was erwartete er jetzt von mir?

Zögernd trat ich ins Zimmer und folgte Hanks Blick, nun auf den Jungen gerichtet, der durch die Tür schritt. Troy, so stand zumindest groß auf seinem Muskelshirt, leckte sich erregt die Lippen, als er Hanks Beule in seiner Unterhose erblickte, die mit jedem Moment größer wurde.

Seine Augen fielen auf mich und musterten meinen Körper ebenso gierig. Unter seinem Blick fühlte ich mich nackt und hilflos.

"Machst du mit oder schaust du nur zu?", fragte er schließlich.

Ich schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. Troy genügte dies als Antwort. Hank stöhnte etwas, das ich nicht verstand und packte Troy mit kräftigen Armen von hinten. Gebrochen verfolgte ich das hemmungslose Liebesspiel. Hank leckte Troys Hals und zog ihm hastig die Kleider vom Leib. Seine unruhigen Finger strichen von hinten über Troys muskulösem Bauch und fassten in seine Unterhose, wo Troy dem fordernden Griff mit kreisenden Bewegungen seiner Hüfte folgte. Hank biss Troy verspielt ins Genick und warf ihn nach vorne auf den Bauch, um ihn mit einer raschen Bewegung die Unterhose vom Becken zu ziehen.

Hank verschwendete, wie immer, keine Zeit und holte ein Fläschchen Gleitgel unter dem Bett hervor. Er träufelte etwas davon auf Troys Arsch und seinen eigenen Schwanz und drang ohne große Umschweife in ihn ein.

Troys Augen waren die ganze Zeit auf mich gerichtet. Er leckte sich einladend über die Lippen. Die Szenerie war unwirklich und bedrückend. Mir blieb nichts anders übrig, als Troys Blick stand zu halten.

Hank hatte auch mit mir kein Kondom benutzt. Aber ich dachte es wäre Liebe und gebe keine anderen Männer mehr. Womöglich sollte ich mich testen lassen...

Troys Stöhnen brachte mich zurück in die Gegenwart. Hank drang immer tiefer und rascher in ihn ein. Sein schwerer Atem verriet, dass er kurz davor war, in ihm zu kommen.

Das Zimmer verschwamm vor meinen Augen. Waren es Tränen, die mir den Blick trübten?

Das Licht, das durch das Fenster drang, schien plötzlich einen rötlichen Farbton anzunehmen. Ich blinzelte kurz, um die Sinnestäuschung abzuschütteln, doch das Zimmer blieb in sanftes Rot getaucht, das mit jedem Wimpernschlag dunkler zu werden schien.

Der Fußboden begann sich zu bewegen, als stünde ich auf fließender Lava, die sich unter dem Bett ihren Weg suchte. Ich stand mit bloßen Füßen auf der glühenden Masse, spürte jedoch keinen Schmerz. Auch die Wände beganngen zu fließen  und wurden eins mit den wabernden Formen unter mir.

Angst breitete sich in meiner Brust aus. Nicht die Angst vor den seltsamen Farben oder den surrealen Formen, die sich um mich bildeten. Meine Angst war greifbar, als stünde etwas Schreckliches bevor, das ich nicht verhindern konnte.

Immer noch waren Troys Augen auf mich gerichtet. Innerhalb eines Wimpernschlags sah ich mich selbst in diesen Augen. Sah, wie ich am Bett lag, Hank schwer atmend auf meinem Rücken, sein heißer Samen tief in mir, als er sich hinter mir aufbäumte und mich vom Bett riss. Ich sah damals seine Hand nicht, die in der Seite der Matratze verschwand.

Sah das blitzende Metall nicht, das er hervorholte.

Mir blieb die Luft weg. Die schwelende Hitze um mich war unerträglich. Plötzlich stand ich wieder vor Troy und seinen durchdringenden Augen. Sah, wie Hank sich aufbäumte und in ihm kam. Sah, wie er mit einem Arm unter Troys Bauch griff, um ihn von hinten in eine knieende Position zu ziehen. Sah, wie Hanks Hand unter der Matratze verschwand und die altmodische Rasierklinge hervorzog, die er mit geübten Fingern aufklappte.

Troys Augen waren schwer. Er kam mit einem kehligen Laut und verteilte seinen Samen auf dem weißen Bettlaken. Die Luft im Zimmer schien zu kochen. Ich sah die beiden Männer vor mir als blickte ich durch Feuer. Ihre Formen verschwammen ständig und flackerten umher.

Hank hob seine Hand an Troys Hals und positionierte die Klinge beinahe sanft an seiner Halsschlagader, während Troy im Nachbeben seines Orgasmus mit geschlossenen Augen auf die Berührung seines Liebhabers wartete.

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde um meine Entscheidung zu fällen. Die lodernden Farben erstarben und der Raum erkaltete. Alles war plötzlich klar vor meinen Augen.

Ich trat einen Schritt nach vor und berührte Hanks Schulter mit meiner Handfläche. Er zuckte unter meiner Berührung zusammen, als hätte ich ihn mit einem glühenden Eisen gebrandmarkt. Seine Hand zitterte und die Klinge entglitt seinem Griff, gerade als er sie sanft durch Troys Fleisch zog. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Blut war auf dem Laken. Überall Blut.

Mein Blut...

"Scheiße, du hast mich geschnitten. Bist du verrückt, du Arschoch?"

Troy hielt sich seine Handfläche an seinen Hals und starrte entsetzt auf das Blut, das langsam seine Brust hinabfloss. Geistesgegenwärtig versetzte er Hank einen Schlag mit seinem Ellbogen und befreite sich aus seinem Griff. Hank fasste sich verwirrt an die Schulter, wo meine Berührung eine seltsame Rötung hinterlassen hatte und griff erneut nach der Klinge, die auf das Laken gefallen war. Troy rappelte sich auf und fischte nach seiner Hose.

"Komm her, Kleiner. Beenden wir, was wir angefangen haben." Hanks Stimme klang kalt und hohl.

Ich schämte mich. Schämte mich, so tiefe Gefühle für einen Mann wie ihn gehabt zu haben. Troys hilfloser Blick fiel wieder auf mich. Diesmal deutete ich zur Eingangstür.

"Lauf."
Der blasse Junge, blutend und verletzt, aber noch immer Herr seiner Sinne, sprang zur Tür und machte sich an den Sicherheitsschlössern zu schaffen, die Hank alle versperrt hatte. Die er immer versperrt hielt.

Ich erblickte den Wahnsinn in Hanks Augen, als er aufsprang und auf den Jungen zustürzte.

Meine Entscheidung hatte ich jedoch längst gefällt. Nie wieder würde ich zulassen, dass Hank sich an jemand anderem vergriff. Hank gehörte mir. Das hatte er mir versprochen. Es war an der Zeit, sein Versprechen einzulösen.

Er sprang aus dem Bett, im selben Moment, als ich das Bettlaken um seinen Knöchel wickelte. Stolperte. Verlor den Halt. Ich sah die Klinge  zu Boden fallen und folgte seinem schönen Körper in Zeitlupe, als er zu Boden ging. Ich stützte meine Hand auf einer schönen hölzernen Kommode ab und beobachtete Hanks Kopf, der immer näher an die scharfe Kante kam. Ich schloss kurz die Augen und blendete das unangenehme Geräusch aus, das Hanks Stirn beim Zusammenstoß mit dem Schrank erzeugte.

Als ich sie wieder öffnete sah ich die offene Eingangstür und die Blutspur des Jungen, die nach draußen führte. Sah Hank vor mir am Boden liegen, eine rote Pfütze unter sich, die sich immer weiter ausbreitete.

Armer Hank. Armer, verwirrter Hank. Was immer dich zu einem Monster gemacht hat, ist jetzt Vergangenheit. Nun bist du bei mir - für immer.

Ich strich sanft über seine nackte Schulter und hob seinen Körper leicht an. Er drehte seinen Kopf zu mir und blickte mich mit großen ungläubigen Augen an. Er war ein schöner Mann. Selbst die hässliche Wunde an seiner Stirn konnte daran nichts ändern.

Seine Augen starrten nach unten, Grauen verformte seine schönen Gesichtszüge. Ich konnte seine Gefühle nicht verstehen. Ich war bereits Teil einer anderen Welt, in der es mir nicht weiter seltsam erschien, dass Hanks lebloser Körper noch immer am Boden lag, obwohl ich ihn im selben Moment in meinen Armen hielt.

Er versuchte sich aus meinen Armen zu befreien und blickte entsetzt um sich. Unsere Füße verloren ihren Halt. Wir sanken immer tiefer nach unten. Ich küsste seinen Nacken und sein Gesicht, während Hanks Augen fassungslos unsere Umgebung abtasteten. Was mochte ihn wohl irritieren? Ein kurzer Blick verriet mir, dass wir nun im Keller seines schönen Hauses waren. Ein Schwarm Fliegen stob auf, als wir uns auf den Boden legten, um unser Liebesspiel fortzusetzen. Hank erblickte die halbverrottete Leiche meines Körpers in der Ecke als sähe er sie jetzt zum ersten Mal.

Ich beachtete sie nicht weiter. Ich hatte ja Hank. Mehr wollte ich nicht und mehr erwartete ich auch nicht. Hank begann lautlos zu schreien und wehrte sich gegen die Hände, die aus dem Erdreich nach oben griffen, um ihn und mich nach unten zu ziehen.

Himmel und Hölle? Gab es das wirklich? War es für mich das selbe wie für Hank? Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dem Mann meiner Träume für immer vereint zu sein. Zärtlich strich ich über seinen Rücken und versank mit ihm in der kühlen Erde. Seite an Seite in inniger Umarmung. Für immer.


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